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Kantabrien
Wo die starken Männer wohnen
 
In Spaniens grünem Norden ist vieles anders als im Rest des Landes: die Natur, das Klima, die Menschen und ihre Geschichte. Schuld ist die Kantabrische Kordillere, die den Küstenstreifen von Zentralspanien trennt. Eine Reise durch das Baskenland und Kantabrien.
 
   

 
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aquito ist ein Star in San Sebastian. Sein grauer Leib taucht aus den Wogen auf und wieder ab an diesem Sonntagmorgen. Die Schwanzflosse immer im Schlepptau dreht er seine Runden. Vor ein paar Jahren ist der Delphin auf der Durchreise hier hängengeblieben im Schutz der muschelförmigen Bucht am Atlantik. Sein Lieblingsplatz: das Wasser zwischen dem westlichen Zipfel des Festlandes und der Insel Santa Clara, die sich auch hineingeschmuggelt hat in die ausladende Bucht.

Hans Harms ist es wie Paquito ergangen. Vor 14 Jahren ist der Sozialwissenschaftler aus dem ostfriesischen Jever nach San Sebastian gekommen - und geblieben. "Die Lebensqualität hier ist unerreichbar", schwärmt er. "Man muss nur aufpassen, dass man nicht zu dick wird, weil man hier so gut isst und trinkt." Deswegen ist er jetzt Mitglied im Sportclub "Atlético" an der Strandpromenade und schwimmt sommers wie winters im Meer. So wie viele andere, die die Bucht als Fitnessstudio nutzen: Junge Männer reiten in Neoprenanzügen auf den Wellen. Im Sand spielt ein Rentergrüppchen Volleyball und ein paar Jogger traben auf der Flaniermeile.

Kunst als Ode an die Natur

Am Ende des Strandes unterhalb der Steilküste weitet sich der Weg zu einer Plattform. Das Meer brandet über eine meterbreite Mauer und durchflutet drei Eisenskulpturen, die so genannten "Windkämme", die der Künstler Eduardo Chillida 1977 hier in den Fels pflanzte. Plötzlich ein Rauschen. Gischtfontänen schießen durch Düsen aus dem Untergrund. Dann bricht das Geräusch jäh ab, und die Wasserstrahlen versinken wieder im Stein. Was an einen Geysir erinnert, gehört ebenfalls zum Kunstwerk des Basken, der diesen Flecken Erde und Meer damit ehren wollte. Chillidas ist nicht irgendwer. Eine seiner Skulpturen hat es sogar bis vor das neue Bundeskanzleramt in Berlin geschafft. Dort steht der Koloss aus Eisen nun, und trotzt der wuchtigen Architektur des Kanzlersitzes.
Lange hatte der baskische Künstler in seiner Heimat nach einem Platz für seine Skulpturen gesucht. In Hernani, knapp zehn Kilometer von San Sebastian entfernt, wurde er schließlich fündig und kaufte ein zwölf Hektar großes Anwesen. Seit zwei Jahren sind in dem Museo Chillida Leku 40 großformatige Werke des erst vor wenigen Monaten gestorbenen Bildhauers zu bewundern.

Himmlisches im Miniaturformat

Mittag in San Sebastian. Die Menschen treibt es in die Bars, um Pinchos zu zelebrieren. Das sind kunstvoll drapierte Häppchen - die kulinarische Spezialität San Sebastians. In den Gassen der Altstadt sind es von einer Pincho-Küche zur nächsten nur ein paar Schritte. Pincho darf sich nennen, was in höchstens zwei Bissen und im Stehen gegessen werden kann. So die offizielle Definition - und die ist wichtig für die Teilnahme an den traditionellen Pincho-Wettbewerben. 1997 hat die Bar Txepetxa mit ihren Anchovi-Häppchen gleich die ersten drei Plätze belegt. An der Wand künden drei weiße Teller im Goldrahmen vom Triumph.

Das Publikum drängt sich lässig und lautstark vor dem Tresen. Die Dekoration ist bodenständig: kitschige Ölgemälde und von der Decke baumelt Plastikfarn. Nächste Bar, nächster Snack: Roter Paprika gefüllt mit Stockfisch, Entenleber, Krebsfleisch umhüllt von Zucchini-Scheibchen, Steinpilzomelette. Das Getränk der Stunde: Txakoli, ein perlender, herber Weißwein, der im hohen Strahl aus mindestens einem halben Meter Entfernung ins Glas gegossen wird. Die baskische Küche ist weltberühmt. "In und um San Sebastian wimmelt es nur so von Michelin-Sternen, mehr als irgendwo sonst in der Welt", sagt Wahlspanier Hans Harms.

Bilbocity - Strukturwandel auf Baskisch

"Dennis Hopper ist mit der Harley durch Bilbaos Straßen gebraust. Prinz Albert von Monaco und Pierce Brosnan waren in der Victor-Móntez-Bar an der Plaza Nueva zu Gast. Georgio Armani kam zur Mode-Ausstellung", Reiseführerin Iratxe Blanco kann stundenlang solche Geschichten erzählen. Der Grund: das "Wunder von Guggenheim", wie die Bilbaínos sagen. Seitdem König Juan Carlos das Museum 1997 einweihte, kommen jedes Jahr eine Million Besucher nach Bilbao - und wundern sich über die Attraktivität der Industriestadt, die sich in den vergangenen zehn Jahren zum Dienstleistungs- und Technologiestandort hochgearbeitet hat. Die bekanntesten Architekten haben der Stadt ihren Stempel aufgedrückt: Santiago Calatrava hat dem neuen Flughafen und einer Brücke über die Ría de Bilbao filigranen Schwung verliehen. Norman Foster hat eine futuristische U-Bahn entworfen, die bis an den Strand führt und das Guggenheim-Museum von Frank O. Gehry mit seinen 33.000 Titanplatten, die an Fischschuppen erinnern, greift ebenfalls die Nähe zum Meer auf. Die moderne Kunst im hellen, verspielten Inneren des Baus begeistert auch Kinder:

Zwei kleine Mädchen ziehen ihre Eltern in die Tiefen der so genannten Fischgallerie - so groß wie ein Fußballfeld und geformt wie ein Wal. Sie umrunden den gläsernen Iglu und laufen durch die Skulptur "Snake", drei hohe Eisenwände, die ein Wellenmuster zeichnen. Dieses Museum ist kein Ort der Ehrfurcht. Bilbao lebt. Das zeigt sich auch in den vielen Kneipen und Restaurants der Altstadt. Im Café Iruñia werden gegen Mitternacht die Tische zur Seite geschoben, um Platz zum Tanzen zu schaffen. Im Kafeantzokia, einem alten Kino, kennt nicht nur die Musik, sondern auch das Alter der Gäste keine Grenzen - Soul und Rock'n Roll, Folklore und Crossover entspannt vereint. Mit der neuen U-Bahn geraten auch die Leute aus den Vororten jetzt leicht in den nächtlichen Strudel.

Santander - am Anfang war der König

Santander, rund 100 Kilometer weiter westlich in Kantabrien, ist Mitglied im Club der schönsten Buchten der Welt. Hier ist das mondäne Leben zuhause - dank eines geschickten Schachzugs der Stadtväter. 1913 machten sie König Alfonso XIII ein kleines Geschenk: den Palacio de la Magdalena, einsam gelegen auf einer Halbinsel am Ende der Bucht von Santander, eine ideale Sommerresidenz. Victoria Eugenia, die englische Gemahlin des Königs war entzückt, fühlte sich an ihre Heimat erinnert, und Santander wurde hipp. Die feinen, weiten Strände taten ihr übriges.
1933 machten die Regierenden das imposante Haus zur Sommeruniversität. Seither haben zahlreiche Berühmtheiten Seminare abgehalten.

"Wir hatten schon die Literatur-Nobelpreisträger Gabriel García Márquez aus Kolumbien und den Mexikaner Octavio Paz zu Gast", sagt Lola Sainz, verantwortlich für die Koordination der Veranstaltungen im Palast, der seit 1995 auch Kongresszentrum ist. Von Mitte Juni bis Ende September kommen jede Woche rund 800 Teilnehmer aus aller Welt; zehn bis zwölf Seminare gibt es pro Woche in allen Disziplinen, Architektur, Mathematik und Medizin, ebenso wie Geisteswissenschaften. Die Idee der Sommeruniversität hat längst Nachahmer in ganz Spanien gefunden.

Siegertypen gegen den Rest der Welt

Durch den sonnigen Novembermorgen strahlen die schneeweißen Gipfel der Picos de Europa, die bis auf 2640 Meter in den Himmel ragen. Kühe und Schafe weiden auf den sanften Hügeln. Dazwischen schimmern silbrig grün Eukalyptuswälder. Doch dann taucht aus dieser Bergidylle ein Wunder auf: das leuchtend blaue Meer mit goldenen Stränden und steilen Felsen. Kantabrien ist eben besonders. So wie die Menschen, die hier leben. "Unsere Vorfahren die Cántabros waren sehr unabhängig", sagt ilar García, Präsidentin der Vereinigung kantabrischer Reiseführer. "Das schwierige Leben in den Bergen hat sie stark gemacht."

In dem Örtchen Comillas sieht man, was so ein Kantabrier auf die Beine stellen kann. Don Antonio López y Lopéz wuchs hier als Sohn einer Fischverkäuferin auf. Dann hatte er den richtigen Riecher. Er machte sich auf in die Karibik, stieg in den Handel mit Blumen und Kolonialwaren ein und kehrte als gemachter Mann heim. Zurück in Comillas kaufte er kurzerhand das halbe Dorf, ließ Paläste, Schulen und eine Universität bauen und wurde zum Marqués ernannt, bevor er 1883 das Zeitliche segnete.

"Durch den Tatendrang des Marqués ist Comillas heute im Norden die Stadt mit den meisten Bauten des "Modernismo", dem spanischen Jugendstil", schwärmt Reiseführerin Pilar García. Selbst Antoní Gaudí, der weltberühmte Architekt und Zeitgenosse des Marqués, hat sich hier verewigt: Das Jugendwerk "El Capricho" des großen Modernisten ist heute ein Restaurant.

In Santillana dagegen, nur dreißig Kilometer entfernt, lebt das Mittelalter prächtig fort. Die gelben Sandsteinfassaden protzen mit den steinernen Wappen der noblen Familien, die Straßen sind kopfsteingepflastert und riechen nach Weihrauch und Pferden. In Santillana startete einst die Reconquista, der jahrhundertelange Kampf der Christen gegen die maurischen Eroberer, der 1492 in Granada endete. Angefangen hatte alles Ende des achten Jahrhunderts mit der Heiligen Juliana, die sich lieber Gott als ihrem Ehemann hingeben wollte und dafür sterben musste. Aber das ist längst Geschichte. "What's love got to do with this?", dröhnt es von einem Balkon gegenüber des ehrwürdigen Diözese-Museums. Nicht jeder im Dorf spielt mit in diesem Freiluftmuseumsalltag. Auch nicht die Kanarienvögel, die in Käfigen vor einigen Häusern hängen und gegen die Museumsruhe anzwitschern.

Die Menschen in Spaniens Norden nehmen ihre großen Vergangenheit mit Gelassenheit. "Chicarrones" nennt sie Reiseführerin Pilar García: "Groß und stark, großzügig und fröhlich. Sie essen und trinken gern, haben viel Energie und baden im Winter im Meer." Apropos Meer. Natürlich hat auch Santillana einen schönen Strand. Und vielleicht wagt sich ja eines Tages auch Paquito, der kleine Delphin aus San Sebastian einmal auf einen Ausflug hierher.

Text: Henny Metzendorf

 

 
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